Historisches

Wo der Name Livigno herkommt, ist umstritten. Laut dem Historiker Sertoli Salis wurde Livigno früher "Vinea et Vineola" genannt. Diese alte Schreibweise ohne das Präfix "Li", die bis 1399 beibehalten wurde, hat nichts mit dem Anbau von Wein zu tun. Es ist definitiv ausgeschlossen, dass hier jemals Reben gewachsen sind. Andere leiten den Namen vom Begriff "lovin" ab, was so viel wie Lupine bedeutet.
Etymologisch am wahrscheinlichsten erscheint die Abwandlung des Begriffs "lavina" (ladinisch: "lavina"; borminisch: "leina"; altdeutsch: "Lobine"), was so viel wie "Schneelawine" bedeutet.
Wenn man bedenkt, dass die Talsohle von Livigno für viele Monate von einer dicken Schneeschicht bedeckt ist, lässt sich die These, dass der Name Livigno vom alten "lavina" kommt, leicht untermauern.

Besiedelung durch den Menschen:
Die Frage, wann und wie das Valle di Livigno besiedelt wurde, hat unter Historikern rege Diskussionen ausgelöst. Viele von ihnen glauben daran, dass die ersten Siedler, die sich im Alpenraum niedergelassen haben, Ligurer oder Räter waren. Andere wiederum glauben, dass die ersten Bewohner etruskischer Herkunft waren.

Das Valle di Livigno gestern und heute:
Schematische Darstellung der ursprünglich Talsohle von Spöl. Der Fluss Spöl, von den Bewohnern Livignos auch "Akua Granda" genannt, hat im Lauf der Jahrhunderte das Tal geformt. Livigno heute: Die Rodung der Bäume, der gebändigte Spöl sowie die Erbauung des künstlichen Sees haben die Landschaft des Tals verändert.
An sagenhaften Hypothesen fehlt es hier nicht; z. B. die über die erste Besiedelung des Tals durch slawische Völker, die angeblich dem Flusslauf der Donau flussaufwärts gefolgt sind, dann dem Lauf des Inns, der in die Donau mündet, und dann den Flusslauf des Spöl erreicht haben. Laut den Verfechtern der Hypothese wird diese dadurch untermauert, dass das Aussehen der Bevölkerung auch heute noch asiatische Züge aufweist.


EINZIGARTIGE PANORAMEN

Livigno Cenni storici foto 1 Livigno, eingebettet zwischen dem Engadin und dem Alta Valtellina, ist ein zauberhaftes Tal, das sich über eine Länge von 12 km zwischen zwei Bergketten erstreckt, die von 3.000 m sanft zum Dorf hin abfallen, das auf 1.800 m Höhe liegt und aus einer Reihe von Holz- und Steingebäuden besteht. Zusammen mit der nahegelegenen, reizenden Fraktion Trepalle – die höchstgelegene ständig bewohnte Ortschaft Europas – ist Livigno einer der wichtigsten Touristenorte der Alpen. Eine gute Infrastruktur und mehr als hundert einladende Hotels bieten dem Gast einen traumhaften Urlaub, der naturnah ist und das ganze Jahr über von den alpinen Traditionen bereichert wird.


DAS "BAIT" UND DAS TRADITIONELLE WOHNHAUS
Um zu verstehen, wie die Bauweise des traditionellen Wohnhauses in Livigno entstanden ist, muss man auf die drei historisch wichtigen Elemente für die lokale Wirtschaft zurückgreifen: die Wälder, die Weiden und der Schnee. Die Wälder hier sind seit Jahrhunderten fester Bestandteil der Naur. Sie entstehen nur sehr langsam, da die Pflanzen hier nur an 4 Monaten im Jahr wachsen können. Die restlichen 8 Monate über verfallen sie in einen nahezu lethargischen Ruhezustand. Aus diesen Wäldern stammt das Holz für die Häuser in Livigno. Die Wälder wurden immer zugunsten der Wiesen geopfert: Die Bauern in Livigno haben seit jeher den Ruf, weitläufige Weideflächen mit viel Geschick zu pflegen; denn in dieser Höhenlage kann das Heu nur einmal pro Jahr eingebracht werden, während die Viehzucht die einzig nutzbringende Tätigkeit darstellt. Es bestand also die Notwendigkeit, das Weideland immer weiter zu vergrößern – daher auch die verstärkte Rodung der Wälder in den vergangenen Jahrhunderten.
Die Bauweise der Wohnhäuser hier ist ganz anders als selbst im sehr nahegelegenen Bormio. Sie wurde an das raue Klima und an die Verfügbarkeit von gewaltigen Mengen Holz angepasst.
Das traditionelle Haus in seiner ursprünglichsten Bauweise besteht aus einem Wohngebäude ('l bàit) und aus einem rustikalen Nebengebäude, das länglich oder eckförmig ist (toilà und stalà), und ist komplett aus Holz. Das Vorhandensein eines Wandsockels ist ein Hinweis darauf, dass es sich um neuere Gebäude handelt. Das Haus wird aus Baumstämmen gefertigt, die übereinandergeschichtet werden.
Das Dach (téit) verfügt über Dachflächen mit geringer Schräge und ist mit Dielen aus Lärchenholz gedeckt. Darüber verlaufen entweder Querbalken, die das Abrutschen des Schnees verhindern, oder das Dach ist mit sog. "scàndole" bedeckt, mit kleinen Lärchenholzsplittern. Dachfirste sind selten, die Fenster sind klein und mit Zweifachverglasung, damit sich der Wärmeverlust in Grenzen hält; die Fensterläden befinden sich innen.


DIE WEIDE, DAS HAUS, DER WALD UND DER SCHNEE

Livigno Cenni storici foto 2 Seine landschaftliche Schönheit hat Livigno in erster Linie der Gleichförmigkeit der umliegenden Berge und der Weite der Talsohle zu verdanken. Die Talebene verfügt auf den 12 km, auf denen sich das Dorf erstreckt, über gerade mal 100 m Höhenunterschied – das Gelände hier ist also fast eben. Genau diese außergewöhnlich flache Landschaft unterstreicht noch mehr die längliche Aneinanderreihung der Wohnhäuser, die etwas irreal wirkt. Livigno war ursprünglich ein klassisches "Straßendorf", dessen Häuser verstreut in der Nähe der Wiesen standen. So vermied man lange Transportwege bei der Heuernte und die Lawinengefahr war nicht so groß. Außerdem lag zwischen den Häusern ein gewisser Abstand, damit im Brandfall die Funken nicht überspringen konnten. Die Gebäude bestanden aus einem Wohnhaus und einem kleinen Nebengebäude.


EINZIGARTIGE PANORAMEN

Livigno Cenni storici foto 3 Bis in die 1950er Jahre beschränkte sich das Tourismusangebot in Livigno auf die Sommersaison, da die Zufahrtsstraßen im Winter aufgrund der großen Schneemengen geschlossen waren und nur wenige Winterbegeisterte, vor allem Deutsche, auf Schlitten nach Livigno kamen, um die unberührten, tief verschneiten Felder hier zu genießen. 1952 begann man, wenn auch nicht immer mit Erfolg, die Straße nach Bormio zu öffnen.
Die ersten beiden Skilifte wurden 1959 gebaut.
Definitiv zum winterlichen Tourismusort wurde Livigno im Jahre 1965, als der Munt-la-Schera-Tunnel, der Livigno mit der Schweiz verbindet, eröffnet wurde und das Spöltal seither Sommer wie Winter für Gäste aus neuen Märkten zugänglich macht: für Nordeuropäer über das Engadin und für Süd- und Nordostitaliener über die Brennerautobahn.
So begann die Entwicklung Livignos im Tourismusbereich.
1965: 6 Hotels und 2 Skilifte.
2002: über 100 Hotels mit 4.800 Betten und über 900 Appartements, die wochenweise vermietet werden. 32 Aufstiegsanlagen, 110 Pistenkilometer, 40 km Loipen.


WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG

Livigno Cenni storici foto 4 Heute verfügt Livigno über 10.000 Hektar Weide- und riesige Wiesenflächen. Der Wald musste weichen und wurde in höheren Lagen rund um die Almen von Livigno zurückgedrängt, da man in der Ebene die Wälder gerodet hat, um Grünflächen zu gewinnen.
Bis vor einigen Jahrzehnten sah Livigno aus wie ein Freiluftmuseum.
Livigno in ein Museum zu verwandeln hätte bedeutet, die Bewohner umzusiedeln und das Dorf zu einer noch größeren Einsamkeit zu verdammen, als es die Natur in den vergangenen Jahrhunderten bereits getan hatte.
Sich für den Tourismus zu entscheiden, bedeutete für die Gegend rund um Livigno also einen Schritt in eine neue Zukunft.
Diese Entscheidung hatte natürlich zur Folge, dass viel gebaut wurde und so ging die charakteristische Anordnung der Häuser – in der Landschaft verstreut – mit der Zeit verloren. Dieser Abstand zwischen einem Haus und dem nächsten, der einerseits als Schutz diente, stand andererseits – in dieser allgemeinen Isolation in Livigno – für Individualismus und ein Sich-Abschotten der verschiedenen Sippen in Livigno. Die Familien hatten sich gut organisiert, um selbständig die langen Phasen der Einsamkeit zu überstehen.
Die Viehzucht reduzierte die Abhängigkeit von der Außenwelt fast komplett. Am Haus hörte die Weide auf und gleichzeitig war das Haus die Verlängerung derselben. Die Tea, also das Sommerhaus, lag am Rande der etwas höhergelegenen Wiesen.